Sollte man eine andere Frau auf ein mögliches Lipödem ansprechen?

Du siehst eine Frau im Schwimmbad, beim Sport oder in der Umkleide und denkst sofort: Könnte das ein Lipödem sein?


Vielleicht erkennst du ihre Körperproportionen wieder. Vielleicht erinnern dich ihre Beine an deine eigenen – noch bevor du wusstest, dass du ein Lipödem hast.

Und plötzlich stehst du vor einer schwierigen Frage:



Soll ich etwas sagen – oder geht mich das nichts an?

„Ich wünschte, mich hätte damals jemand darauf angesprochen.“

Viele Frauen erfahren erst spät, dass hinter ihren Beschwerden ein Lipödem stecken könnte. Bis dahin liegen nicht selten Jahre voller Selbstzweifel hinter ihnen.


Warum werden meine Beine trotz Sport nicht schlanker?
Warum tun Berührungen so weh?
Warum bekomme ich so schnell blaue Flecken?
Warum passen Ober- und Unterkörper nicht zusammen?


Und vor allem: Was mache ich falsch?


Die Erkenntnis, dass hinter den Beschwerden möglicherweise eine chronische Erkrankung steckt, kann deshalb auch entlastend sein.


Genau hier entsteht das Dilemma: Vielleicht hätte ein einziger Hinweis Jahre früher dazu geführt, sich ärztlich untersuchen zu lassen.



Gleichzeitig bleibt das Aussehen und der Körper eines anderen Menschen etwas sehr Persönliches.

Kann man ein Lipödem überhaupt sehen?

Bestimmte körperliche Merkmale können einen Hinweis auf ein Lipödem geben. Eine Diagnose lässt sich jedoch nicht durch einen Blick im Schwimmbad oder Fitnessstudio stellen.


Deshalb sollte die Botschaft niemals lauten:


„Du hast Lipödem.“


Viel respektvoller ist es, von der eigenen Erfahrung zu erzählen und höchstens die Möglichkeit eines Lipödems anzusprechen.

Denn letztlich gehört eine Diagnose in die Hände entsprechend qualifizierter Ärztinnen und Ärzte.


Wenn du etwas sagst, dann mit Fingerspitzengefühl

Ob ein Hinweis als hilfreich oder verletzend empfunden wird, hängt stark davon ab, wie und in welcher Situation er ausgesprochen wird.


Eine Frau vor ihren Freundinnen, ihrem Partner oder anderen Menschen auf ihre Beine anzusprechen, kann sehr unangenehm sein.


Wenn überhaupt, dann immer unter vier Augen.


Und statt ihren Körper zu bewerten, kannst du bei dir selbst bleiben.


Zum Beispiel:

„Entschuldige bitte, wenn die Frage zu persönlich ist. Ich habe selbst ein Lipödem und habe mich gerade ein bisschen in dir wiedererkannt. Falls du das Thema noch nicht kennst und manchmal Beschwerden mit deinen Beinen hast, wollte ich dir einfach den Hinweis geben. Wenn nicht, vergiss bitte einfach, was ich gesagt habe.“

Damit stellst du keine Diagnose und bewertest ihren Körper nicht. Du teilst lediglich deine eigene Erfahrung und überlässt ihr die Entscheidung, ob sie mehr darüber erfahren möchte.


Was du besser nicht sagen solltest


Sätze wie „Deine Beine sehen nach Lipödem aus“„Du solltest dich untersuchen lassen“ oder sogar „Ich glaube, du hast Lipödem“ können schnell übergriffig wirken. Auch gut gemeinte Hinweise können verletzen. Vielleicht weiß die Frau bereits von ihrer Erkrankung. Vielleicht möchte sie gerade überhaupt nicht darüber sprechen. Vielleicht gibt es eine ganz andere Ursache für ihre Körperform. Oder vielleicht beschäftigt sie ihr Körper ohnehin sehr stark.


Ein Hinweis ist ein Angebot – keine Verpflichtung zum Gespräch.


Wenn du merkst, dass dein Gegenüber nicht darüber sprechen möchte, solltest du das unmittelbar respektieren.


Zwischen Schweigen und Ansprechen liegt Empathie


Wir finden: Man muss nicht grundsätzlich schweigen – aber man sollte auch nicht jede Frau ansprechen, bei der man ein Lipödem vermutet.

Es kommt auf den Moment, die Situation und vor allem auf das Wie an.


Nicht diagnostizieren. Nicht bewerten. Nicht vor anderen ansprechen.


Sondern – wenn es sich wirklich richtig anfühlt – die eigene Erfahrung behutsam teilen.

Denn manchmal ist der respektvollste Weg, nichts zu sagen.



Und manchmal kann ein einziger empathischer Hinweis der Anfang einer Antwort sein, nach der eine Frau vielleicht schon seit Jahren sucht.