Lipödem & Stress: Cortisol, Entzündungen und Psyche

Was Cortisol, Entzündungen und der Blick in den Spiegel miteinander zu tun haben

Für viele Frauen mit Lipödem ist der Blick in den Spiegel mit negativen Gefühlen verbunden. Die Beine erscheinen zu kräftig, die Proportionen passen nicht zum restlichen Körper und trotz Sport oder Gewichtsabnahme verändert sich der Körper häufig nicht so, wie man es sich wünschen würde.



Was für Außenstehende vielleicht nach einem rein ästhetischen Problem klingt, kann für Betroffene zu einer erheblichen psychischen Belastung werden. Frust, Scham, ständige Selbstbeobachtung oder das Gefühl, sich im eigenen Körper nicht wohlzufühlen, können über Jahre hinweg Stress verursachen.

Und dieser Stress findet nicht nur im Kopf statt. Unser Körper reagiert darauf – unter anderem mit der Ausschüttung von Cortisol.

Was passiert bei Stress mit Cortisol?

Cortisol wird häufig als „Stresshormon“ bezeichnet. Dabei ist Cortisol grundsätzlich nichts Schlechtes. Es wird in der Nebennierenrinde gebildet und erfüllt zahlreiche wichtige Aufgaben im Körper.

In einer akuten Stresssituation steigt die Cortisolausschüttung an. Der Körper mobilisiert Energie und bereitet sich darauf vor, auf eine Belastung zu reagieren. Ist die Situation vorbei, sollte sich auch das Stresssystem wieder regulieren.


Problematisch kann es werden, wenn Stress nicht nur kurzfristig auftritt, sondern zum Dauerzustand wird.


Chronischer psychischer Stress kann die Regulation der sogenannten Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse beeinflussen. Diese Stressachse steuert unter anderem die Ausschüttung von Cortisol und steht in enger Verbindung mit unserem Stoffwechsel und Immunsystem.


Lipödem und Entzündungen im Gewebe

Gleichzeitig beschäftigt sich die Forschung zunehmend mit entzündlichen Prozessen beim Lipödem.

Untersuchungen liefern Hinweise auf niedriggradige Entzündungsprozesse und Veränderungen innerhalb des betroffenen Fettgewebes. Dabei werden unter anderem Veränderungen von Fettzellen, Immunzellen, Gefäßen und der Gewebestruktur untersucht.

Wichtig ist jedoch die Unterscheidung zwischen lokalen Entzündungsprozessen im Gewebe und klassischen Entzündungswerten im Blut.



Ein Lipödem bedeutet nicht automatisch, dass bei jeder Patientin beispielsweise der CRP-Wert deutlich erhöht sein muss. Entzündliche Veränderungen können lokal im Gewebe stattfinden, ohne dass die üblichen Blutwerte zwangsläufig auffällig sind.

Wenn das eigene Körperbild selbst zum Stressfaktor wird

Chronischer Stress kann verschiedene Prozesse des Immun- und Entzündungssystems beeinflussen. Cortisol spielt dabei eine wichtige Rolle, allerdings ist der Zusammenhang komplexer als „mehr Stress bedeutet mehr Cortisol und dadurch mehr Entzündung“.

Bei dauerhaftem Stress kann sich die Regulation zwischen Nervensystem, Hormonsystem und Immunsystem verändern. Wissenschaftliche Untersuchungen bringen chronischen psychischen Stress deshalb mit einer veränderten Regulation entzündlicher Prozesse in Verbindung.

Für Lipödem-Betroffene ist dieser Zusammenhang besonders interessant: Wenn im erkrankten Fettgewebe bereits niedriggradige entzündliche Prozesse stattfinden, kann eine zusätzliche dauerhafte Stressbelastung ein weiterer Faktor sein, der das allgemeine körperliche Wohlbefinden beeinflusst.


Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Stress ein Lipödem verursacht. Ebenso wenig lässt sich ein Lipödem durch positives Denken oder Stressreduktion „heilen“.


Wenn das eigene Körperbild selbst zum Stressfaktor wird

Hier entsteht für viele Betroffene ein schwieriger Kreislauf.

Das Lipödem verändert den Körper. Gerade Beine, Hüften oder Arme können trotz Gewichtsabnahme deutlich disproportional zum Oberkörper bleiben. Hinzu kommen bei vielen Patientinnen Schmerzen, Druckempfindlichkeit, Schweregefühl oder eine Neigung zu blauen Flecken.


Der Blick in den Spiegel kann dadurch immer wieder negative Gedanken auslösen:

„Warum sehen meine Beine so aus?“

„Warum verändert Sport genau diese Stellen kaum?“

„Warum fühle ich mich in meinem Körper nicht wohl?“


Wenn solche Gedanken über Monate oder Jahre zum täglichen Begleiter werden, können sie zu einer erheblichen psychischen Belastung beitragen.


Dazu kommen möglicherweise negative Kommentare aus dem Umfeld, erfolglose Diäten oder die jahrelange Erfahrung, dass Beschwerden nicht ernst genommen werden. Manche Frauen haben bereits eine lange Geschichte von Selbstvorwürfen hinter sich, bevor überhaupt die Diagnose Lipödem gestellt wird.


WAS KANN HELFEN, DIE STRESSBELASTUNG ZU REDUZIEREN?

Gerade deshalb ist eine Aussage besonders wichtig: Eine Patientin ist nicht selbst für ihr Lipödem verantwortlich.

Stressreduktion, Bewegung, guter Schlaf oder ein positiveres Körperbild ersetzen keine medizinische Behandlung der Erkrankung.


Sie können aber Teil eines ganzheitlichen Umgangs mit dem Lipödem sein. Denn neben der Erkrankung selbst sollte auch die psychische Belastung berücksichtigt werden, die das Leben mit einer chronischen Erkrankung mit sich bringen kann.

Es geht nicht darum, von heute auf morgen den eigenen Körper lieben zu müssen. Vielmehr können kleine Veränderungen dabei helfen, den Körper weniger als täglichen Gegner wahrzunehmen.


Deshalb sollte eine ganzheitliche Betrachtung des Lipödems nicht ausschließlich danach fragen, wie die Beine aussehen. Ebenso wichtig ist die Frage: Wie geht es der Patientin mit ihrem Körper und ihrer Erkrankung?

Der Blick in den Spiegel sollte nicht jeden Tag zum Kampf werden.

Denn beim Lipödem geht es nicht nur darum, wie dein Körper aussieht – sondern vor allem darum, wie du dich in ihm fühlst.